himbeerfuchs
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der himbeerfuchs

eine fuchs-legenden-geschichte von henning buchhagen

Die Nacht war ziemlich kühl gewesen an diesem Maimorgen vor undenklich langer Zeit. Noch schaffte es die Sonne nicht, den Frühnebel zu durchdringen. Und so wurde es ein etwas kühler und grauer Frühlingstag, so grau, wie er selbst, als er geboren wurde: Ferdinand, der kleine Fuchs.
Er und seine Geschwister – zwei Brüder und zwei Schwestern – waren grau, so grau wie Füchse eben sind; wunderschön grau übrigens, wie ihre Mutter fand, und so praktisch grau, denn so waren die Kleinen verborgen vor ihren Feinden. Dort in der Erdmulde zwischen den Tannenwurzeln waren sie schon aus geringer Entfernung kaum noch zu erkennen. Die Fuchsmutter war stolz auf dieses hilflose wuschelige Knäuel ihrer Kinder, die ja ihre Augen noch geschlossen hatten.
14 Tage später, als die jungen Füchse zum ersten Mal die Augen öffnen konnten, schien eine wärmende Maisonne. Ferdinand erblickte als der letztes der Geschwister das Licht der Welt. Und diese Welt gefiel ihm: das frische Grün der Wiesen am Waldrand, die bunten Blumen darauf: gelb und rot, blassrosa und zartes Blau – und darüber ein strahlend blauer Himmel.

»Wie schön die Welt ist!« piepste Ferdinand. Nur sich selbst und seine Geschwistern fand er ein bisschen langweilig grau, wie auch seine Mutter, die er natürlich trotzdem über alles liebte.
Ferdinand, der Fuchs war ein glückliches Fuchskind. Er tollte mit seinen Geschwistern herum, sonnte sich auf den großen warmen Wurzeln der Tanne oder den kleinen Felsbrocken, die neben seinem Zuhause am Waldrand lagen. Nur manchmal bedauerte er, dass Füchse so grau und unscheinbar waren in dieser wunderschönen bunten Welt.
Und noch zwei Dinge mochte Ferdinand nicht, und die waren auch grau. Grau waren die großen Schatten, die manchmal vom Himmel auf die Erde fielen, und die seine Mutter so furchtbar aufgeregt machten. Sehr schnell lernte er, dass die Schatten von großen Vögeln kamen – und die bedeuteten Gefahr. Dann hieß es: sich ganz schnell verstecken. Das machte zwar irgendwie Spaß, aber Ferdinand war dabei auch immer ein wenig unheimlich zumute. Mutter sagte, die Vögel würden Füchse fressen und sie hätten sehr gute Augen und jetzt im Sommer, wo alles so grün und bunt war, seien sie als graue Füchse sehr leicht zu entdecken. Deshalb achtete sie stets darauf, dass sich ihre Kleinen nicht zu weit von der großen Tanne entfernten, damit sie immer schnell wieder in den sicheren Bau fliehen konnten.
Genauso unbehaglich wie bei den großen grauen Schatten war es Ferdinand bei den kleinen grauen Tieren, die sein Vater immer mitbrachte, und die zum Fressen da waren. Klar, er hatte auch Hunger, und dann musste man etwas fressen, das wusste er.
»Aber die sind so niedlich, diese kleinen grauen Dinger«, meinte er. Doch sein Vater belehrte ihn:
»Füchse fressen nun mal Mäuse!«
Trotzdem fand Ferdinand, dass Mäuse doch auch nur nette kleine graue Tiere waren – wie er selbst, wenn auch viel kleiner.

Nein, irgendwie konnte er sich nicht damit abfinden, dass man nach alter Fuchstradition Mäuse fraß. Auch Hasen mochte er nicht so recht.
Und wenn sein Vater kam und stolz verkündete:
»Heute gibt es etwas ganz besonders Leckeres!«, dann war Ferdinand nicht so glücklich wie seine Geschwister. Die mochten Hasen oder Gänse gern. Für sie waren das Fuchsleckerbissen. Ferdinand konnte all das nie so richtig genießen.
Und so fraß er immer weniger und blieb kleiner als seine Geschwister. Die machten sich manchmal über ihn lustig und verspotteten ihren Bruder: »Du bist gar kein richtiger Fuchs!« meinten sie. Dann war Ferdinand sehr traurig. Seine Mutter schaute ihn mitleidig an. Sie machte sich Sorgen, aber vielleicht mochte sie auch gerade deshalb ihren Kleinsten besonders gern.
Eines Tages nun waren die Fuchskinder groß genug, so dass sie allein in die Welt hinaus durften. Sie entfernten sich immer weiter von der Tanne, streiften am Waldrand entlang, hüpften über die Wiese, spielten mit Blumen und Schmetterlingen und wagten sich über die Wiese bis hin zum Bach.
Am Bach entlang führte ein Weg, der erst bei den Bauten der großen Zweibeiner endete, der Menschen, vor denen ihr Vater sie besonders eindringlich gewarnt hatte:
»Die Menschen sind sehr, sehr gefährlich. Sie mögen uns Füchse gar nicht.« Vater musste es wissen, denn von den Menschen holte er immer die Gänse. Und das gelang ihm nur selten.
Mutter Fuchs ließ ihre Kinder nur ungern ziehen, und besonders um den kleinen Ferdinand hatte sie Angst.
Aber Ferdinand fürchtete sich gar nicht. Ganz wohlgemut zog er in die große Welt hinaus, neugierig und voller Abenteuerlust.
Immer weiter gingen seine Streifzüge, und eines Tages wagte er sich sogar in die Nähe der Menschenwohnungen. Er begann durch die Gärten der Menschen zu schleichen.

Und da erblickte er zum ersten mal diese Dinger, die an grünen Sträuchern hingen. Hübsch sahen sie aus und leuchtendrot strahlten sie ihn an: kleine rote Kugeln, die aus lauter noch kleineren roten Kugeln bestanden – Kugelkugeln sozusagen. Das fand er lustig, so wollte er die Dinger nennen: rote Kugelkugeln.
Später wusste Ferdinand selbst nicht mehr, wie er auf die Idee gekommen war, dass man diese roten Kugeln fressen könnte. Aber gleich am ersten Tag als er sie entdeckte hatte, probierte er einfach davon.
»Warum eigentlich nicht?« fragte er sich, »Warum sollen graue Füchse keine kleinen roten Kugelkugeln fressen – besonders wenn sie kleine graue Tiere nicht mögen ...«
Und sie schmeckten ihm, sie waren wunderbar süß und frisch. Gleich sieben Stück fraß er davon – soweit konnte er nämlich schon zählen, und so viele von den Dingern konnte er ohne Mühe erreichen.
Danach kam Ferdinand fast jeden Tag in die Gärten der Menschen und naschte von den roten Kugeln – und bald fraß er fast ausschließlich diese Früchte und keine Tiere mehr.
Er fand das in Ordnung. Die Kugelkugeln machten ihn satt und er wurde sogar etwas kräftiger.
Aber seine Eltern machten sich doch große Sorgen um ihn, weil er sich so wenig fuchsartig benahm – und seine Mutter warnte ihn immer wieder vor den Menschen.
Die mochten es anscheinend auch wirklich gar nicht gern, dass er von den Früchten fraß. Sie versuchten ihre Gärten zu schützen: zogen neue Zäune um die Gärten und warfen Netze über die Büsche an denen die roten Früchte hingen. Ferdinand musste sich eine Menge Tricks ausdenken, um immer wieder an die Früchte zu gelangen. Und er musste sehr listig sein, damit ihn die Menschen nicht erwischten.

Wenn es dunkel war, wäre es ja viel einfacher gewesen, unbemerkt in die Gärten zu schleichen, da hätte ihn seine graue Farbe geschützt – aber er hatte tagsüber Hunger. Und Ferdinand fand es viel schöner, am Tag durch die Welt zu streifen, wenn es warm war und hell und bunt. Man musste nur klug genug sein, um die Menschen immer wieder zu überlisten, und das war Ferdinand. Er war ein sehr schlauer Fuchs.
Das bemerkten schließlich auch seine Eltern, und besonders seine Mutter war bald sehr stolz auf ihren klugen √kleinen' Ferdinand, der inzwischen auch gar nicht mehr so klein war. Er fraß nämlich sehr, sehr viel von den süßen roten Kugelkugeln! Und anscheinend konnte man auch davon groß und stark werden.
Ferdinands Mutter war es dann auch, die als erste eine andere Veränderung bemerkte, die mit ihrem Sohn vor sich ging: Je mehr er nämlich von den roten Früchten fraß, desto mehr färbte sich sein Fell rot. Und aus dem kleinen grauen Fuchsbaby wurde ein wunderschöner, kräftiger, kluger, roter Fuchs.
Den √roten' Ferdinand fanden nun auch seine Geschwister bald sehr hübsch. Ja, sie waren sogar ein wenig neidisch auf ihn. Und in der Hoffnung, dass sich auch ihr Fell rot färben würde, probierten sie ebenfalls von den roten Früchten.
Und so kam es, dass die Füchse heute nicht mehr grau sondern rot sind und dass sie nicht mehr nur kleine Tiere fressen sondern auch Obst.
Und – wir wissen es natürlich – die roten Kugelkugeln, das waren Himbeeren – und Ferdinand, das war der erste Himbeerfuchs.